Reisefinder

 
 
Kalender öffnen
 
 
 

Vaktra Abyanga in Beruwela

Einmal runterkommen, entspannen, Sonne tanken – wenigstens für ein paar Tage. Eine recht arbeitsintensive Phase mit Zukunftswerkstatt für die Reisebüros und Betriebshofumzug für die Busse lag hinter uns und für die nächsten Aufgaben brauchten wir wieder Power. Mit Kuren haben wir ja seit vier Jahrzehnten beste Erfahrungen, aber drei Wochen Karlsbad und Moorbäder? Nein, was neues, was intensiveres sollte es sein. Aryuveda - hochgepriesen in allen Wellness-Katalogen, am authentischsten in Sri Lanka.

Es fanden sich schnell viele Angebote. Wer bietet den richtigen Mix an gesunder Ernährung, für Yoga und Mediation, mit Massagen und Bädern? Meine Wahl fiel auf ein Strandhotel fernab der Großstadt - das Heritance Ayurveda Maha Gedara in Beruwala.

Das muss genau so sein, dachten wir bei der Begrüßung. Nette Frauen in schönen weiß-grünen oder orange-gelben Saris, eine Blumenkette zum Empfang und einen Cocktail. Aus Ingwer und Tamarinde. Authentisch halt.

Die erste Arztkonsultation machte uns klar, 30 Behandlungspositionen stehen auf dem Therapiezettel, da müssen wir durch. Von der Vaktra Abyanga (Gesichtsmassage) bis zum Aqua Yoga. Das erste Mittagessen vom Büfett zeigt unmissverständlich, was gesunde Ernährung heißt: möglichst kein Fleisch, viel Reis und noch mehr Curry. Vor allem aber immer nur Wasser. Und alles weder kalt noch heiß, sondern körperwarm, damit es leicht verdaut wird. Aber bei 32 Grad Außentemperatur nichts Kaltes? Der Südwestmonsun „Yala“ bringt Sri Lanka im Mai dazu noch 80 % Luftfeuchtigkeit. Kein Wunder, denn wir liegen ja mit der nur 445 km langen Insel noch südlich von Indien, auf der Höhe von Somalia und Venezuela, nur etwas über 600 km nördlich des Äquators.

Die medizinische Tradition des Aryuveda (Sanskrit für `Wissen des Lebens´) beruft sich auf eine 3.000 Jahre alte Tradition. Ganzheitlich will man die Lebensenergie in die Balance bringen, Fehlerquellen, von denen es im modernen Leben reichlich gibt, mindern. Dafür gibt es das Prinzip der „Doshas“ mit Vata, dem Bewegungsprinzip, Pitta steht für den Stoffwechsel und Kapha bezeichnet die Struktur. Danach werden vor allem die „Körpertypen“ von uns eingeschätzt und die dazu passenden Lebensmittel bestimmt. Was man/frau besonders essen soll und was gar nicht geht.

 

Wir sind als „Pitta“ und „Kapha“ eingestuft. Da heißt es, keine Tomaten, keine Ananas. Stattdessen „wood apple“. Limonia acidissima. Braun-gräulich, bitter-mehlig. Hilft gegen Verdauungsstörungen und Schlangenbisse, sagt die aryuvedische Volksmedizin. Schlangenbisse haben wir keine, Verdauungsstörungen sind bei so wenig, wie wir gegessen, hatten auch noch nicht zu beobachten. Also setzen wir hier aus. Der „Wood Apple“ soll aber auch gut für die Gesichtskosmetik gut sein. Glättet und hellt die Haut auf. In Birma machen die Frauen sich so ihre „temporären Öko-Tattoos“ - auch das probieren wir nicht aus.

 

Zurück zum Essen, das wie die „Doshas“ in drei Klassen (Gunas) eingeteilt wird. Empfohlen wird alles „Sattva-Guna“, also Getreide, Früchte und Gemüse und einige Milchprodukte. Sie sollen ein langes Leben, wenigstens aber eine gute Verdauung, bescheren.

Bitter, sauer, salzig, scharf ist „Rajo-Guna“, dem wir dann - im Maßen genossen unsere „Befeuerung“ = Energie verdanken. Im Heritance heißt das Curry satt. Wonach wir auf dem Büfett Ausschau halten, nämlich Fleisch, Fisch und Geflügel gilt als „Tamo-Guna“, entzieht dem Körper Energie, soweit dies nicht schon das Klima macht, ist damit der ärgste Feind der Volksgesundheit. Vielleicht auch, weil in der traditionellen asiatischen Landwirtschaft Vieh und Geflügelhaltung als unnötiger Luxus galt, der nur dem Adel vorbehalten war. So gibt es mittags jeweils etwas Geflügel oder Fisch - aber eigentlich nur für die Begleitpersonen, die sich nicht für eine Ayurvedakur entschieden haben.

Am Büfett jedenfalls stehen kleine Schilder, die uns auf die Eigenschaften der Speisen hinweist, was wir jedoch zwecks Zusammenstellung einer einigermaßen abwechslungsreichen Verköstigung wenig beachten.

Das Aryuveda-Programm geht mit einem Arztgespräch los. Gäste vor uns, überwiegend Japaner und Russen, kommen aus dem Gespräch mit vielen Fragezeichen im Gesicht und einem Handy in der Hand. Verzweifelt wird im Internet per Übersetzungs-App nach Fachbegriffen gesucht, denn jeder bekommt einen Zettel mit der Eingangsdiagnose, den Doshas, dem Essenplan. Das Srilankische Englisch kommt jedoch ohne Ti-Eitsch („th“) aus und betont die meisten Worte auf der letzten Silbe, da muss man schon gut hinhören, was die nette Ärztin sagt. Wenn das dann auf japanisches oder russisches Schulenglisch trifft, ist Kauderwelsch vorprogrammiert.

 

Wir kommen einigermaßen zurecht - mit dem Plan. Mit dem Resultat, einem Mix verschieden bunter, aber gleichschmeckender Kräuterpillen, weniger. Zur genauen Reihenfolge, was wann geschluckt werden soll, gibt es den bereits sich beim Begrüßungscocktail reingemogelten Trunk aus vermutlich Ingwer und Tamarinde. Unsere Tagesrezeptur wird in einem Holzregal neben dem Speisesaal fein säuberlich nach Zimmernummern einsortiert. Unsere Fächer sind dabei nicht einmal die vollsten. Vor dem Essen ein Becher Ichweißnichtwas, dazu zweimal grau, zweimal blau (etwas größer), zweimal braun, zweimal weiß (etwas kleiner). Zu jedem Frühstück, zu jedem Abendessen. Immer mit dem herrlich lauwarmen Glas Wasser mit Nix.

Mit gutem Appetit freuten wir uns auf das Abendbüffet. Das gleiche wie mittags? Nein, es ist nicht vom Mittag übriggeblieben, halt nur ähnlich. Auch der Geschmack aus den schönen großen Kupferkesseln - eher ähnlich. Weil fast überall, vom Vorspeisen-Salat bis zum landestypischen Dhal Curry die gleiche, sehr spezielle Gewürzmischung Einsatz findet. Genuss und Freude liefert dagegen Obst vom Nachtisch-Büfett. Unsere Rettung für die nächsten Tage.

Bereits der erste Morgen ist vollgepackt mit Anwendungen: Fuß-, Kopf-, Nacken- und Schulter- Ganzkörper-Massagen, und dies in verschiedensten Variationen. Mit viel Öl, mit viel oder wenig Druck, Synchronmassage usw. Jeden Tag etwa 2-3 Stunden Behandlungen, dazu Yoga und Meditation. Der Tag ist gut ausgefüllt. In den Zeiten dazwischen kann man gut am Pool entspannen oder auch am Strand spazieren gehen - wenn einem die Hitze jetzt im Mai nichts ausmacht.

 

Das Frühstück besteht wieder aus ... wir ahnten es .... aus verschiedenen Currys, aus Obst (immer die gleichen Sorten Bananen, Melone, Mango, Papaya, Sternfrucht (ohne Ananas, da schlecht für die Doshas), Brot und Brötchen aus Hirsemehl. Eine echte Herausforderung ist aber, was es nicht gibt: Kaffee! Nicht einmal den wunderbaren schwarzen Ceylon-Tee oder wenigstens ein zum Früchteangebot passender Tee. Fehlanzeige. Die Enttäuschung ist so bitter wie der dargereichte Kräutertee.

 

Die ersten 2 Tage kommen wir mit dem Essen noch einigermaßen klar, am dritten Tag gehen wir auf Entdeckungstour. Gleich nebenan. Das Eden-Hotel hat ein Bistro, 24 Stunden geöffnet. Mit Kaffee, Hamburger, Pommes und Eis. Mit dieser abendlichen Kompensations- und Begleitmaßnahme kommen wir gut über die Runden. Im Gespräch mit anderen Gästen im Hotel erfahren wird, dass es nicht nur uns so geht und dass das typische Einsteiger-Probleme sind, aber ob wir, wie einige Damen aus der Schweiz, uns ein zehntes und elftes Mal in ein solches Aryuveda-Abenteuer stürzen, bleibt fraglich. Aryuveda, richtig und authentisch gemacht, ist Verzicht und Mühsal. Für ungeübte Europäer wie uns einfach keine Erholung und eigentlich nur für ein verlängertes Entschlackungs-Wochenende geeignet. Die physiotherapeutischen Anwendungen sind allesamt wohltuend und bauen alle Verspannungen ab. Der Erfolg wird aber durch den kulinarischen Zwangsabbau deutlich gemindert. Eine Aryuveda light - Version mit asiatischen Massagen und asiatischer Gourmetküche, meinetwegen auch vegetarisch, wäre wesentlich „tiefenentspannender“.

Nun zum Hotel - dem Heritance Ayurveda Maha Gedara.

Die Anlage hat eine ansprechende Architektur und liegt direkt am Indischen Ozean. Baden ist allerdings erst recht in der windigen Monsun-Jahreszeit wegen der Strömungen zu gefährlich. Deshalb bleiben die Baywatch-Türme auch unbesetzt.

Die 2-stöckigen Hotelgebäude liegen in U-Form um den schön angelegten Innenhof mit Pool, der Essenbereich ist überdacht. Leider gibt es kein klimatisiertes Restaurant, so dass die Mahlzeiten in den heißen Sommermonaten mit sehr hoher Luftfeuchtigkeit schon anstrengend werden können. Zumal es zur Erfrischung nur warmes Wasser gibt, keinerlei gekühlten Getränke.

Wir hatten zwei Standardzimmer, die dringend einer Renovierung bedürfen. Besonders die Badezimmer haben diverse Mängel: Spiegel, die teilweise schon blind sind, Schimmel im Duschbereich, Handtuchhalter, der dauernd herunterfiel, Risse in der Wand, eine Klospülung, die nur mit Fußtritt-Kraft zum Rauschen gebracht werden konnte, dafür umso lauter auch gurgelte. Die Klimaanlage spielt in der Nacht das schrabb-schrabb Lied vom Tod und wurde trotz Kühlungsbedarfes gegen eine Nachtruhe eingetauscht.

Das Ayurveda-Zentrum ist das medizinische Herz der Anlage. Auch dieses fanden wird eher renovierungsbedürftig. In machen Räumen stehen (und somit intimitätsfeindlich) zwei Behandlungsliegen, getrennt nur durch Leinentüchern über einer Stange, deren vielfaches Hindundherschieben an den Öl-Fingerspuren abzulesen war. Dieser „schon gebraucht“-Eindruck gilt auch für die Handtücher, die als Unterlagen auf die Liegen gespannt sind. Einen Wechsel vor oder nach der Behandlung haben wir nicht immer registriert. Gerade bei den Kopfunterlagen eher problematisch. Der Wohlfühlfaktor der einzelnen Therapiebereiche ist sehr unterschiedlich, was gerade bei den Japanern Protest auslöste, wenn sie nicht im mittleren Trakt mit Blick auf die Goldfischbecken behandelt wurden. Das gilt besonders für die eher notdürftig mit schiefen Holz-und-Ast-Platten als seitlicher Begrenzung und älteren, eher schmuddeligen Tüchern in den ca. 3 Meter hohen Hallen hingezauberten Extra-Liege-Zonen. Auch die in einigen Bereichen geschaffenen Zwischenlager für das überschüssige Öl und die zum Abtrocknen verwendeten Handtücher sind für Nase und Auge keine Freude. Über die erstaunliche Schwere der Handtücher haben wir mit anderen Gästen beim Warten spekuliert. Das reichlich verwendete Massageöl lässt sich wohl nur durch eine lange und sehr heiße Waschmaschinenreinigung entfernen, während die zwar ordentliche Waschtonnenbehandlung, die wir auf dem Hinterhof beobachten konnten, nur für Hygienestandards  reicht. Bestimmt landestypisch, aber für ein echtes Wohlfühlambiente, wie wir es aus den Praxen in Deutschland kennen eher ungeeignet.

Unser Fazit

Ein solches „All In“ (Therapie, Essen, Wohnen)-Angebot scheint für „Anfänger“ zum Thema Ayurveda nicht geeignet zu sein. Wer jedoch schon Zuhause mit Yoga und vegetarischer Ernährung den Alltag gestaltet, wird gut versorgt. Alternativ wäre die Kombination eines guten Strandhotels an Sri Lankas Westküste und ein Zubucher-Paket in einem der vielen örtlichen, externen Ayurveda-Zentren zielgenauer. Dann haben Sie täglich die Möglichkeit zu einem eigenen, richtigen und wohlfühlenden Mix an „Kurlaub“. Außerdem ist Sri Lanka mit seinem Teeplantagen und Saphirminen vorher oder nachher auch eine Rundreise wert.